„Kind 44“ von Tom Rob Smith

Heute gibt es wieder eine Thriller-Rezension von mir, diesmal zu dem mehrfach ausgezeichneten Buch „Kind 44“ von Tom Rob Smith. Bei diesem Erfolgsroman handelt es sich um den ersten Teil rund um den Agenten Leo Demidow, dessen Nachfolger „Kolyma“ und „Agent 6“ sind.  Wie mir das Buch gefallen hat, könnt ihr im Folgenden lesen:

Worum geht’s? Im Jahr 1953, die Sowjetunion befindet sich in den Zeiten der Säuberungsaktion unter Stalin, wird eine verstümmelte Kinderleiche gefunden. Leo Demidow, Geheimagent des MGB , soll die Eltern des Jungen davon überzeugen, dass es sich um einen tragischen Unfall handelt und nicht um einen grausigen Mord. Doch nachdem ihm ein interner Machtkampf  eine Versetzung in eine andere Stadt einbringt, findet er weitere Kinderleichen. Leo glaubt an keinen Zufall und möchte den Mörder zur Strecke bringen, doch in der Sowjetunion gibt es keine grausamen Mörder – nicht in der offiziellen Statistik. Und so begibt sich Leo auf eine selbstmörderische Jagd nach Gerechtigkeit, was der MGB mit allen Mitteln verhindern möchte.

IMG_20180114_120501_072Als ich das Buch gekauft hatte, sagte eine Freundin zu mir:“ Das ist wirklich richtig gut, aber die beschriebenen Dinge sind echt heftig!“. Als begeisterte Thriller-Leserin, denkt man sich da nicht wirklich viel. Ich lese ständig schlimme, grauenvolle und groteske Sachen. Aber das hier war etwas anderes. Schon auf den ersten Seiten wird man mit der Grausamkeit und Brutalität konfrontiert, die sich durch das gesamte Buch zieht. Allem voran Gewalt gegen Kinder. Gewalt gegen Unschuldige ist immer grausam. Gewalt gegen Kinder, noch grausamer. Das war das erste Mal, dass ich bei einem Buch wirklich schlucken musste. Schockiert war ich schon oft. Aber wegschauen musste ich noch nie.
Zu der Schockiertheit gesellt sich auch noch ein Gefühl von Fassungslosigkeit. Wie bereits erwähnt, befindet wir uns zur Zeit Stalins in de Sowjetunion. Während dem Lesen habe ich mich hunderte Mal gefragt, was das Ziel eines solchen Staates ist, der offensichtlich nicht versucht sein Volk zu schützen, sondern einzig und allein darauf aus ist, das Ansehen des Staatsapparates zu wahren. Wozu das Ganze? Vor wem will der Staat gut dastehen, wenn er doch alle ängstigt? Aber ja, das ist eine alte Diskussion und in der Geschichte leider viel zu häufig vertreten.

„Nichts ist störrischer als die Wahrheit. Deshalb hasst ihr sie so. Sie beleidigt euch. Deshalb kann ich euch zur Weißglut bringen, indem ich einfach nur sage: Ich, Anatoli Tarasowitsch Brodsky, bin Tierarzt. Meine Unschuld beleidigt euch, weil ihr wollt, dass ich schuldig bin. Und ihr wollt, dass ich schuldig bin, weil ihr mich verhaftet habt.“

Seite 104

Die Geschichte entwickelt sich schnell zu einer spannenden Jagd auf Leben und Tod. Die offensichtliche Mordserie wird als Hirngespinst abgetan und verdeutlicht damit das falsche Handeln der Polizei. Überhaupt stand für mich viel mehr die Gerechtigkeit in Bezug auf den Staat und das Verhalten der Polizei im Mittelpunkt, als die Gerechtigkeit in Bezug auf Mörder un Opfer. Natürlich will man auch, dass der Täter geschnappt wird, aber vor allem möchte man dieser scheinbar nie endenden Grausamkeit des Staates den Strick um den Hals legen. Die Rolle des Leo Demidow ist geschickt gewählt: Ein Agent, der dem Staat treu ist und Gewalt gegen das Volk mit seinen aufgesetzten Regeln vereinbart. Doch plötzlich steht er auf der anderen Seite und erkennt seine unverzeihliche Schuld. Er sieht die Wahrheit: Das Volk liebt ihn nicht, es hasst ihn. Das Volk wird hier stückweise auch durch seine Frau verkörpert.

Auch wenn für mich wie gesagt der Schwerpunkt auf der Situation des Staates lag, war natürlich auch die Mordserie, in meinen Augen als Mittel zum Zweck, sehr gut gestaltet. Zwar kann man als aufmerksamer Leser schnell einen Teil der Lösung erahnen, aber ein kleines Detail ist auch mir bis zum Schluss verborgen geblieben. Zwar fand ich dieses Detail etwas unnötig, aber eher im neutralen Sinn.  Letzten Endes kann ich von der gesamten Story sagen, dass sie mir sehr gut gefallen hat!

Fazit Eine spannende, eindrucksvolle Story, welche jedoch mit ihren Grausamen Schilderungen einem an die Nieren gehen kann. Für mich hat sich das Buch zu einem richtigen Pageturner entwickelt, der neben dem Aspekt der Unterhaltung auch viel zum Nachdenken angeregt hat. Ein Top-Thriller!


„Kind 44“ | Tom Rob Smith | Goldmann Verlag | 509 Seiten

 

13 Kommentare Gib deinen ab

  1. fraggle sagt:

    Ein ganz tolles Buch! Insbesondere diese bedrückende Stimmung, die Smith verbreitet, und die ganz nachvollziehbar den Druck und die Angst, die ein mehr oder weniger diktatorisches Regime erzeugt, wurde super dargestellt.

    Über die Fortsetzungen schweige ich mich mal aus, bin aber ggf. gespannt, wie sie Dir gefallen haben, so Du sie denn lesen solltest.

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    1. Pialalama sagt:

      Hallo!
      Da gebe ich dir ganz recht!
      Die Fortsetzung werde ich noch heute Abend anfangen, ich bin schon gespannt. Beim Stöbern habe ich gesehen, dass das Buch etwas schlechter gewertet wurde als Kind 44, aber man sollte sich ja immer eine eigene Meinung bilden.

      Liebe Grüße!

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  2. Baroness sagt:

    Kind 44 habe ich schon vor langer Zeit gelesen. Wusste gar nicht, dass es eine Fortsetzung gibt. Bin mal gespannt, was du darüber schreibst. LG

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    1. Pialalama sagt:

      Hallo,

      Bisher ist es ganz gut, aber bei weitem nicht so Brutal 🙂

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  3. Marc sagt:

    Hi Pia,

    dieser Thriller ist echt heftig, aber auch wirklich spannend. Leider konnte der Nachfolger nicht mithalten. Den dritten Teil habe ich deswegen gar nicht erst angefangen.
    Bin gespannt auf deine Meinung, falls du das zweite Buch liest.

    Liebe Grüße
    Marc

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    1. Pialalama sagt:

      Hallo Marc,

      ich fand den zweiten Teil eigentlich ziemlich gut. Auch wenn er nicht so ganz mithalten kann, mit dem was man aus Teil 1 gewohnt ist, fand ich das Buch gelungen. Aber meine Rezension dazu erscheint am Dienstag 😉

      Liebe Grüße,
      Pia

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      1. Marc sagt:

        Es war, so meine ich mich zu erinnern, auch mehr das wilde Ende, welches mir den zweiten Teil verleitet hat. Bin gespannt, was du dazu geschrieben hast.

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  4. Leaphelina sagt:

    Hey 🙂

    Ich habe damals das Buch als Rezensionsexemplar bekommen und ich musste es sehr schnell abbrechen. Die ersten Seiten, wie du selbst Beschreibst, waren so hart, dass ich das nicht mehr lesen konnte. Für mich war dieses Buch der reinste Alptraum und ich bewundere dich, dass du das bis zum Schluss lesen konntest. Ich werde dem Buch nicht mal eine zweite Chance geben können, aus Angst Alpträume darüber zu bekommen, was den Kindern in dem Wald passiert.

    Schicke dir liebe Grüße
    Lea

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    1. Pialalama sagt:

      Hallo Lea,
      ich kann das sehr gut nachvollziehen. Mir geht es so immer mit Filmen und Serien. Ich weiß einfach, dass ich bei bestimmten Themen, insbesondere wenn Kinder involviert sind, eine Grenze habe. Bei Büchern geht das mir zwar auch sehr Nahe, aber irgendwie ist es da nicht ganz so schlimm.

      Liebe Grüße,
      Pia!

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