„Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ von Heinrich Böll

Auch wenn ich eigentlich selbst einen riesigen Stapel ungelesener Bücher besitze, musste ich zuletzt mal in das Regal meiner Mutter greifen. Naja, nicht ganz: Sie hat mir ein paar Bücher in mein Regal gestellt! Darunter auch zwei Werke von Heinrich Böll, von dem ich bisher noch nichts kannte. Letzte Woche wurde das schnell geändert und ich habe sein wohl bekanntestes Werk, „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, gelesen. Wie mir dieses kleine Prosawerk zugesagt hat, könnt ihr im Folgenden lesen:

Worum geht’s: Nachdem die junge Katharina Blum einem Verbrecher zur Flucht verholfen hat und von der Polizei aus ihrer Wohnung geleitet wird, entwickelt sich die ZEITUNG schnell als ein hinterlistiger und nicht zu unterschätzender Gegenspieler. Durch die Dreistigkeit der Presse und ihre falschen Publizierungen, kommt es letztendlich zu einem Todesfall und zerütteten Freundschaften. In diesem Buch wird berichtet und analysiert, wie es dazu kommen konnte.

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Wer hier einen Krimi erwartet, liegt ganz falsch! Bei Bölls Werk handelt es sich um einen Bericht, der im Vergleich zum Krimi geradezu nüchtern wirkt. Und das ist auch gewollt: Blutspritzereien und andere Gewalt – bis auf eine kleine amüsante Ausnahme – werden hier vom Erzähler gekonnt umgangen. Der Leser weiß von Beginn an: Hier wurde jemand erschossen. Doch von diesem Vorfall, wird nie direkt berichtet, sondern nur die Tatsachen, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Dabei spielt vor allem die Kritik an und durch die ZEITUNG eine wichtige Rolle, welche zum Teil als Sensationsjournalismus bezeichnet wird  – und das ist keinesfalls als Kompliment gemeint. Immer wieder kommt es zu kleinen  Hieben und Sticheleien gegen die Presse, welche Tatsachen verdreht und manipuliert.
Der Schreibstil wird einem Bericht sehr gerecht und ich muss zugeben, dass ich immer an einen Sprecher aus einem alten Schwarz-Weis-Film denken musste, der seine Worte direkt an mich richtet. Hallend, schnell und betonend komisch. Teilweise waren die von Kommas durchsäten Sätze jedoch auch etwas schwerer zu lesen, nicht zuletzt durch das angezogene Tempo das beim Lesen entstanden ist.

„Es wird gebeten, die vertraulichen Mitteilungen, die dieses Kapitel enthält, nicht nach Quellen abzuforschen, es handelt sich lediglich um den Durchstich eines Nebenpfützenstaus, dessen dilettantisch errichtete Staumauer durchstochen, zum Abfluss bzw. zu Fluss gebracht wird, bevor die schwache Staumauer bricht und alle Spannung verschwendet ist.“

S. 52

Böll konnte mich mit seiner Sprache wirklich überzeugen. Dazu kommt noch eine Prise Humor, Sarkasmus und schon hat man eine schöne kleine Geschichte, die eigentlich nicht schön, sondern eher tragisch ist. Das spiegelt sich auch im ganzen Titel „Die verlorene ehre der Katharina Blum oder: Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann“ wieder. Als spannend würde ich das Buch nicht unbedingt bezeichnen, aber darum geht es ja auch gar nicht. Hier geht es tatsächlich um die Nachricht an den Leser und die Kritik an der Presse.* Doch trotz dem schönen Schreibstil und dem interessanten Thema, hat mir irgendetwas gefehlt. Zumindest habe ich nicht dieses Gefühl, das man bekommt, wenn man ein richtiges WOW-Buch gelesen hat. Vielleicht liegt es an den bereits erwähnten komplizierten Sätzen oder daran, dass ich an einigen kleinen Stellen das Gefühl hatte, dass hier der rote Faden kurz verloren wurde.

Fazit In 58 sehr knapp gehaltenen Kapiteln, wird uns kunstvoll und sprachlich überzeugend  ein Bericht vorgelegt, der vor allem zur Kritik an der Presse dient und weniger als eine spannende Tragödie. Auch wenn ich diese Buch an sich sehr gerne gelesen habe, fehlt mir irgendetwas. Es war gut, aber auch nicht WOW.



„Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ | Heinrich Böll | dtv | 122 Seiten

 

*Interessanter Hintergrund hierzu: Böll veröffentlichte seine Schmähschrift in  den 70er Jahren als eine Art Antwort auf Beiträge der BILD-Zeitung in Bezug auf Gewaltdebatten und die Baader-Meinhof-Gruppe (RAF). Dem voraus ging ein Essay  („Will Ulrike Gnade oder freihes Geleit?“), welches von Böll im Spiegel veröffentlicht wurde. Hier setzte sich Böll mit der terroristischen Organisation RAF („Rote Arme Fraktion“), sowie mit der Berichterstattung durch den Journalismus auseinander. Dieser Artikel löste damals einen politischen Skandal aus und Böll wurde im Anschluss stark kritisiert und sogar als Sympathisant gegenüber der Terrorgruppe bezeichnet, was dieser wiederum als Rufmord wahrnahm.

7 Kommentare Gib deinen ab

  1. Hach… Das war mein Buch für die mündliche Abschlussprüfung als Buchhändlerin. 🙂
    Ich habs damals fünf mal gelesen oder so… So eine eins muss man sich schon verdienen. 😉Mittlerweile ist das schon eine halbe Ewigkeit her! Vielleicht sollte ich mal wieder reinschauen.
    Ich fand es immer wahnsinnig aktuell, etwas humorvoll und angenehm leicht zu lesen. 🙂

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    1. Pialalama sagt:

      Hey,
      wie ist das mit eurer Prüfung denn? Dürft ihr euch unter einer gewissen Anzahl an ausgewählten Bücher eines aussuchen oder sind alle Bücher streng vorgegeben?

      Das Thema finde ich übrigens auch vor allem jetzt gerade sehr aktuell, ich sag nur „Fake News“…

      Liebe Grüße,
      Pia

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      1. Ach… Das mit den mündlichen Prüfungen wurde alle paar Jahre geändert. Mal durfte man sich ein Buch frei aussuchen, mal waren Titel vorgegeben…
        Als ich meine Prüfung 2001 gemacht habe war die Regelung so, daß es vier Themenbereiche gab. Drei mit verschiedenen Epochen in denen jeweils ca sechs Autoren vorgegeben waren. Da musste man jeweils einen Autor wählen und ein Buch von ihm nach freiem ermessen und der vierte Bereich waren aktuelle Bücher, da waren die Titel vorgegeben.
        Ich hab damals also vier Bücher vorbereiten müssen:
        Schiller: Die Räuber, Storm: Der Schimmelreiter, Böll: Die verlorene Ehre… und Vanderbeke: Alberta empfängt einen Liebhaber.

        Jetzt fällt mir auch ein, daß die Tochter von Jens Sparschuh bei mir in der Klasse war. Sie hat damals einen Blick auf die Leseliste geworfen und nur kommentiert: „Och guckt mal… Papi ist auf der Liste!“. 😉

        Keine Ahnung, wie die Prüfungen mittlerweile laufen. Eine Zeit lang war auch mal wirklich jedes Buch erlaubt.

        Liebe Grüße,
        Andrea

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      2. Pialalama sagt:

        Und du hast alle deine Bücher davor mehrmals gelesen? Respekt! Ich war froh, wenn ich für eine Klausur ein Buch zu Ende bekommen habe ( Aber das ist ja auch was ganz anderes gewesen!).

        Oh, dass stell ich mir auch merkwürdig vor! Aber meine Cousine ist lustigerweise eine Ur-Ur-Ur…-Enkelin von Theodor Storm. Als ich das damals in unserem Stammbau gelesen habe, dachte ich auch erst : wie cooooool! Und dann hat sich herausgestellt, dass dieser Zweig nicht zu meinem direkten Stammbaum gehört, sondern zum Vater meiner Cousine… Mist!

        Liebe Grüße!

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  2. Jennifer sagt:

    Hallo Pia,
    dieses Buch fand ich schon immer klasse! Ich habe Böll in Kombination mit dem berühmten Wallraff-Werk gelesen und wusste auch vorher schon, dass es vor allem gegen die Bild-Zeitung gerichtet war. Wahrscheinlich hat das meine Lesart auch schon ein wenig gelenkt. Ich kann dir nur zustimmen, es ist sicher nicht immer einfach zu lesen, aber gerade dieses Berichthafte mochte ich eigentlich sehr gerne. Vor allem hat mich das Buch extrem nachdenklich gestimmt was Medien und Glaubhaftigkeit angeht, sodass ich viel kritischer geworden bin.
    Ich fand auch schon beim Lesen damals, dass sich das Buch eigentlich gut als Schullektüre lesen ließe, weil es so viele Dinge vereint (die Auseinandersetzung mit RAF und Terrorismus und Mittäterschaft), aber eben auch Medienkritik, Glaubhaftigkeit und der Frage, wie Gerüchte entstehen und warum Spekulationen negativ zu sehen sind.

    Allerdings muss ich sagen, dass ich meine Böll-Ausgabe schöner finde als deine – ich hab eine vom Insel-Verlag 😉
    VG Jennifer

    P.S. Was ist das zweite Böll-Werk, dass sie dir empfohlen hat?

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    1. Pialalama sagt:

      Hallo Jennifer,

      ich finde auch, dass das in der Tat mal ein Buch ist, dass sehr gut für den Schlunterricht gedacht ist, nicht nur weil es eigentlich immer ein aktuelles Thema ist, sondern auch weil es durch ein echtes Ereignis hervorgerufen wurde.

      Ich finde dieses Ausgabe auch nicht gerade hübsch! Aber meine Mama hat mir ihre ganzen dtv-Ausgaben aus den 70ern gegeben. Die sehen alle so altbacken aus 😀 Das andere Werk ist „Nicht nur zur Weihnachtszeit“.

      Liebe Grüße!

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  3. Myriam sagt:

    Leider eines dieser Bücher, die mir in der Schule komplett verdorben wurden (wahrscheinlich, weil wir es nicht gelesen haben, sondern die Verfilmung schauten und ich ungefähr so viel Talent zur Filmanalyse habe wie eine Katze zum Tiefseetauchen …). Aber vielleicht sollte ich dem ganzen ja nochmal eine Chance geben – es wäre nicht das erste Buch, was sich in der Freizeit viel besser macht als in der Schule!

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