„Kolyma“ von Tom Rob Smith

In meiner letzten Rezension habe ich euch den Top-Thriller „Kind 44“ vorgestellt. Mit „Kolyma“ soll nun der zweite Band rund um den ehemaligen Geheim-Agenten Leo Demidow folgen. Ob mich dieses Buch genauso mitreisen konnte, wie sein Vorgänger, könnt ihr im Folgenden lesen:

ACHTUNG! Da es sich hierbei um den zweiten Teil einer Reihe handelt, kann diese Rezension Spoiler enthalten!

Worum geht’s? Drei Jahre sind Vergangen, seit Leo Demidow dem Geheimdienst MGB den Rücken gekehrt und ein Morddezernat gegründet hat. Drei Jahre seit Stalins Tod und drei Jahre, in denen Leo und seine Frau Raisa versucht haben, die Vergangenheit hinter sich ruhen zu lassen. Doch dann wird plötzlich eine geheime und Stalin-kritische Rede Chruschtschows veröffentlicht, die das Leben all jener in Gefahr bringt, die zu Stalins Zeiten an der Ausführung seiner Politik beteiligt waren. Als wäre dies nicht Grund genug zur Sorge, wird der ehemalige Geheimagent zudem von den Folgen seines ersten Falles eingeholt und seine Hoffnung auf ein neues Leben steht wieder auf der Kippe. Die 14-jährige Adoptiv-Tochter wird von einer rachesüchtigen wory-Anführerin entführt. Zurück bekommt er sie nur, wenn er sich an den Ort des berüchtigsten Straflagers der Sowjetunion begibt: Kolyma.

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Da ich den Thriller direkt im Anschluss an seinen Vorgänger gelesen habe, waren die Erwartungen sehr hoch. Und auch wenn „Kolyma“ meiner Meinung nach nicht unbedingt genauso grandios war, hat es mir dennoch gut gefallen. Während „Kind 44“ vor allem durch seine grausamen Schilderungen Spannung erzeugt und die Emotionen des Lesers mitnimmt, ist es in diesem zweiten Teil deutlich ruhiger geworden. Das ist jedoch keinesfalls negativ, sondern unterstütz das neue Bild, das nun vom Staat herrschen soll. Und hier wären wir schon bei einem weiteren Punkt, der etwas eingeschränkter wirkte: Die Darstellung der Politik. Zwar nimmt sie wieder einen großen und wichtigen Teil ein, dennoch steht die Kritik am System nicht mehr so sehr im Mittelpunkt. Diesmal geht es tatsächlich viel mehr um den aktuellen „Fall“, wenn man es so nennen möchte, und die persönliche Entwicklung von Leo Demidow und seiner Familie. Es zeigt die Schwierigkeiten auf, die der Systemwandel, aber auch Leos ehemaliger Beruf nun mit sich bringen. Meine Emotionen wurde hier nicht von Hass und Schockiertheit beeinflusst, sondern von der Ungerechtigkeit und Hoffnungslosigkeit. Es war tatsächlich das erste Buch, dass mir die Tränen in die Augen getrieben hat.

Leider verliert sich der rote Faden ein bisschen. Ein Wort: „Kolyma“ als Titel, ruft in mir die Erwartung hervor, dass dieser Ort einen wichtigen und großen Teil im Buch einnehmen wird. Doch in Kolyma angekommen, geht es schon viel zu schnell wieder zur Sache. Ich hätte gerne mehr davon gelesen, wie es sein kann, dass dieses Gefangenenlager so berüchtigt geworden ist.  Die Ereignisse überschlagen sich, und so schnell wie wir angekommen sind, so schnell sind wir auch schon wieder draußen. In der zweiten Hälfte des Buches, machen wir einen gewaltigen Zeitsprung und sind dann auch schon an einem komplett neuen Ort. Hier hat Smith meiner Meinung nach zu viel des Guten getan. Ich bin nicht abgeneigt zu sagen, dass sich hier schon fast ein neuer Handlungsstrang auftut, den man besser in eine eigene Geschichte gepackt hätte. Beiden Hälften hätte mehr Fülle gut getan und weniger von diesen schnell aufeinanderfolgenden Szenen.   [Edit: Ich möchte nachträglich noch erwähnen, dass meiner Meinung nach hier der deutsche Titel die Ursache für das Problem ist. Hätte man den englischen Titel „The secret speech“ übernommen, wäre mein Fokus nicht so sehr auf dem Straflager gelegen. Durch den Originaltitel gerät tatsächlich die Rede Chruschtschows in den Mittelpunkt und die damit verbundenen Folgen. Damit würde die zweite Hälfte des Buches auch weniger wie eine eigene Handlung wirken.]

„So fanatisch, wie er einst dem Kommunismus gehuldigt hatte, so fanatisch huldigte er jetzt seiner Familie. Seine Vision von Utopia war kleiner und weniger abstrakt geworden, jetzt umfasste sie nur noch vier Menschen und nicht mehr die ganze Welt. Aber erreichbarer geworden war sie dadurch nicht.“

Seite 82

Wortgewandt und mit vielen interessanten Hintergrundinfos zu Geschichtlichem, konnte mich  Smiths Schreibstil auch hier erneut überzeugen. Teilweise sind seine Beschreibungen sehr cinnematisch, aber nicht auf eine übertriebene Art und Weise. Es wirkte nicht zu sehr gewollt, sondern einfach passend. Etwas das mir hingegen ein wenig negativer aufgefallen ist, war die Vorhersehbarkeit in Bezug auf eine bestimmte Sache, die ich hier aus Spoiler-Gründen nicht genauer erläutern werden. In diesem Moment, war ich doch etwas enttäuscht, denn ich hätte mehr Cleverness von Smith erwartet. Man hätte genügend Möglichkeiten gehabt, diese Vorhersehbarkeit abzuwenden und durch einen tollen Überraschungseffekt zu ersetzen.

Fazit  Mit seinem Vorgänger kann „Kolyma“ nicht unbedingt mithalten, aber gefallen hat mir das Buch trotzdem gut. Dem Buch hätte etwas mehr inhaltliche Fülle sicherlich gut getan und an manchen Stellen hätte ich mehr Cleverness erwartet, dennoch empfand ich hier viel Spannung. Von der Brutalität des ersten Bandes ist nicht mehr all zu viel zu spüren, doch in Anbetracht an den Systemwandel und der neuen Ordnung die hier Herrschen soll, ist das auch irgendwie passend. Positiv aufgefallen sind mir vor allem die Wortgewandtheit und die cinnematisch beschriebenen Passagen.

 


„Kolyma“ | Tom Rob Smith | Goldmann Verlag | 480 Seiten

8 Kommentare Gib deinen ab

  1. Baroness sagt:

    Danke für deine Rezension. Hört sich viel nach Politik an.

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    1. Pialalama sagt:

      Hallo,

      im Vergleich zum ersten Teil hat sich der politische Teil etwas reduziert. Trotzdem spielt es eine wichtige Rolle. Aber es ist in meinen Augen nicht langweilig gewesen. Die entstandene Diskussion, ob der Umschlag der politischen Ansichten für das Volk und das Land nun besser oder sogar schlechter sind, fand ich zum Beispiel ganz interessant.

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  2. Marc sagt:

    Hallo Pia,

    gebaut diese fehlende Fülle und der extreme Sprung in der Handlung haben bei mir genau zu einer gegenteiligen Bewertung geführt. Ebenso, dass das titelgebend Lager mehr zum Actionschauplatz mutierte, passte nicht ins Bild, welches der Vorgänger aufgebaut hat.
    Es hat sich gut gelesen, aber due genannten Punkte wogen zu schwer.
    Liest du auch noch Agent 6? Da bin ich gespannt, was deine Meinung ist. Vielleicht hole ich das doch noch nach.

    Liebe Grüße
    Marc

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    1. Pialalama sagt:

      Hallo Marc,

      auf goodreads habe ich dem Buch 3 von 5 Sternen gegeben , was einem „gefällt mir“ entspricht. Bei „Kind44“ gab’s 5 Sterne. Das ist schon ein großer Unterschied (hab ich natürlich hier nicht erwähnt gehabt…) . Aber ich muss auch sagen, dass solche Aufbau-technischen Sachen für mich meistens eher nicht allzu ausschlaggebend sind. Im Gegesatz zum Unterhaltungsfaktor. Ein Langweiliges Buch wäre für mich viel schlimmer.

      Zu dem Punkt mit dem Straflager, sollte ich vielleicht noch im Text ergänzen, dass das vor allem durch den deutschen Titel negativ auffällt. Hätte man den englischen Titel „The secret speech“ übernommen, wäre mein Fokus nicht ganz so sehr auf dem Straflager gelegen. Dann passt für mich auch diese etwas zweigeteilte Handlung besser ins Bild.

      Da meine Mutter das Buch besitzt, werde ich es in ein paar Wochen auch noch lesen!

      Liebe Grüße,
      Pia

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  3. Marc sagt:

    Stimmt, jetzt wo du es erwähnst mit dem englischen Titel.
    Ich sollte dem Buch nochmal eine Chance geben, vielleicht habe ich es auch einfach zum falschen Zeitpunkt gelesen. Ist ja auch schon wieder 8? Jahre her.

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