Voller Fragen an die Stimme im Kopf. [Gedankenfragment #4]

Vor kurzem war ich bei meiner ersten richtigen Autoren-Lesung. Also, eine Lesung, für die ich mich selbst entschieden und nach der ich gezielt gesucht hatte. Nicht mal auf der Leipziger Buchmesse war ich auf einer Lesung. Nun, ich war bei einer Lesung, man könnte auch allgemein von einem Gespräch reden, von Saša Stanišić und Isabelle Lehn, im Rahmen von „wortgewaltig“, einer jährlichen Kulturreihe in Aalen. Der Abend stand ganz unter dem Thema Kunst & Autor. Wie auch immer, als Stanišić aus seinem Buch „Fallensteller“ vorgelesen hat, war ich so fasziniert von der Art und Weise wie er das tat, dass ich Angst davor hatte, das Buch selbst zu lesen! Er hat durch seine gesprochenen Worte so viel Leben in den Text gebracht, als würde er gerade nicht aus einem Buch, sondern aus seinem richtigen Leben erzählen. Nicht zu mir als Leserin, sondern zu mir als Sitznachbarin an der Theke. Und das hat mich dazu veranlasst, diesen Beitrag zu schreiben. Denn, wie die Aufmerksamen unter euch sicher bemerkt haben, habe ich „Fallensteller“ noch nicht gelesen. Und auch Anne Reineckes „Leinsee“ habe ich noch nicht gelesen. Auch sie hat bei der LBM im Rahmen eines Überraschungsbesuches einige Seiten aus ihrem Debüt-Roman gelesen. Und auch dort kam mir bereits der Gedanke: So hätte ich das wahrscheinlich nicht gelesen. Oder hätte ich es vielleicht doch?  Und wenn ich es am Stand richtig mitbekommen habe, hat Frau Reinecke über jemanden anderen auch gesagt „So hätte ich das selbst gar nicht gemacht“. Mir ist aufgefallen, dass sehr viele Autoren ihre Bücher immer recht nüchtern vorlesen. Aber ich nicht. Ich lese so gut wie nie etwas nüchtern und so ruhig, dass es fast deprimierend, melancholisch wirkt. Das hat mich zum Denken angeregt. Lese ich die Bücher falsch? Verpasse ich ein kleines Detail, so, dass ich einer Figur bis zu einer gewissen Grenze meine eigenen Vorstellungen aufdrücke? Und dann, wenn ich mein Urteil über das Buch fälle, fälle ich ganz falsch? Natürlich interpretiert jeder auch anders. Jeder hat seine eigenen Vorstellungen von einer Figur. Wobei ich sagen muss, dass ich selbst nur sehr selten eine exakte Vorstellung, head to toe, von einer Figur in einem Buch habe. Es ist stets nur verschwommen, nur der Rahmen. Ganz so, als würde man durch eine dieser hässlichen, verzerrenden Scheiben blicken. Und auch wenn da steht: die Frau hat rote , glatte Haare und ist zierlich gebaut, stelle ich mir manchmal eine schwarzhaarige kurvige Lady, mit Wallemähne vor. Ignoranz. Das steht da doch gar nicht.

Aber ich schweife ab. Gedankenfragment eben.

Was, wenn ich „Rimini“ nicht lustig fand, weil die Lese-Stimme in meinem Kopf, die Figuren so beeinflusst hat, dass ich sie mir nicht lustig vorstellen konnte? Immerhin wurde doch so mit diesem angeblichen Humor geworben. Was, wenn ich Humor in Texten sehe, die eigentlich voller Verbitterung sind? Diese Lesung, bei der ich war, hat mir ein bisschen Angst gemacht. Angst, ein Buch, ganz und gar falsch zu verstehen. Aber nicht auf der Ebene des Sinns  oder der Aussage, sondern eher auf der Gefühlsebene.

Habt ihr euch beim Lesen schon mal gefragt, ob ihr bei Dialogen verschiedene innere Stimmen für verschiedene Figuren benutzt? Was wenn mein Unterbewusstsein auch nur bis zu einem bestimmten Grad die Stimmen für verschiedene Figuren verändern kann? Es schreit nicht von selbst los, auch wenn da steht “ …, schrie Henry„. Bin ich die Einzige, die sich so etwas ganz bewusst fragt? Übrigens, die Stimme in meinem Kopf adaptiert gerade de Leserhytmus von Frau Lehm während sie ihren lyrischen Text zu Otto Freundlich vorliest. Aber wer von euch, hat das hier jetzt in Poerty-Slam-Style gelesen? Mit einer Stimme im Kopf, die immer leicht fragend, leicht verunsichert ist?

Vielleicht ist das die Kunst der Schreibens: Worte so zu nutzen, dass die Stimme im Kopf sie richtig betont. Oder es ist eine schöne Freiheit, die uns Lesern gegeben ist: Die Figuren ein Stück weit selbst zu gestalten.

 

6 Kommentare Gib deinen ab

  1. Schöne Gedanken zu den Kopf-Stimmen beim Lesen! Mir geht es auch so wie dir, ich stelle mir Figuren meist nur verschwommen vor, weil das auch meist ausreicht und der Geschichte an sich nicht abträglich ist. Es ist auch eine Sache, wie der Autor das Geschriebene intendiert hat, und wie man es als Leser auffasst. Denn wir alle haben individuelle Erfahrungen in unserem Leben gemacht, die uns prägen, Werte, die wir zu jeder Zeit mit uns herum tragen und Vorstellungen davon, was schön ist, was hässlich, was uns anzieht und abstößt. Deshalb würde ich sagen: so, wie der Autor das Ganze intendiert hat, existiert die Geschichte nur für den Autor selbst, mit all seinen Gedanken dazu inklusiver der Bilder im Kopf, die er während des Schreibens hatte. So etwas kann man nur zu einem bestimmten Grad mit Worten übertragen. Und das finde ich auch ganz schön – so schreibt man sich selbst jedes Mal, wenn man ein Buch liest, zum Teil in die Geschichte mit hinein. Und auch das ist absolut interessant! Abgesehen davon, dass man mit Worten Emotionen so heraufbeschwören kann, dass es der Leser selbst fühlt. Allein das ist schon absolut phänomenal. 🙂

    Liebste Grüße,
    Ida

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    1. Pialalama sagt:

      Hallo Ida,

      ein sehr schöner Kommentar, da stimme ich dir zu!
      Liebe Grüße,
      Pia

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  2. Toller Beitrag! Diese Lesung war bestimmt ein Erlebnis. Saša Stanišić hat in seinen Büchern so eine beeindruckende Art, mit Sprache umzugehen, da ist es sicher toll, ihn selbst lesen zu hören.

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    1. Pialalama sagt:

      Hallo,
      es war wirklich eine tolle Lesung & ihm zuzuhören hat Spaß gemacht 🙂

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  3. mllefacette sagt:

    Ein wunderbarer Beitrag.

    Ich war bisher erst auf einer Lesung, aber die hat mich zu gleichen Teilen begeistert, wie verschreckt. Genau wie bei dir liegt seitdem das Buch hier auf meinem Lesestapel. Denn es hat schon seinen ganz eigenen Zauber, wenn ein Autor/eine Autorin sein/ihr eigenes Buch vorliest. Und ich habe Angst diesen Zauber mit meiner eigenen Lesestimme kaputt zu machen. Also bewahre ich den Zauber noch eine Weile, ehe ich ihn wohlmöglich zerstöre.

    Vielleicht liegt es aber nicht unbedingt nur an der eigenen Lesestimme – die natürlich nicht wissen kann, wie ein Satz betont werden will, wie er gemeint ist. Vielleicht liegt es, ähnlich wie bei Menschen, an der Chemie. Eventuell kann ich manche Bücher einfach nicht mögen, weil der Stil, die gewählten Wörter, der Fluss so anders sind, sich für mich nicht richtig anfühlen, drücken und zwicken. So wie ich die Witze mancher Menschen nicht lustig finde. Manche Erzählungen langweilig, während alle anderen gebannt an den Lippen hängen.
    Autor und Leser, Menschen, haben unterschiedliche Erfahrungen gemacht, sich verschieden entwickelt. Möglicherweise ist schlicht das der Grund, warum ich bei einem Buch nicht lache, dass alle anderen so lustig fanden, oder so spannend oder so traurig …
    Die Lesestimme allein ist also vielleicht gar nicht Schuld, wenn etwas nicht gefällt, nicht begeistert.
    Und das nimmt ihr doch etwas den Druck.

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    1. Pialalama sagt:

      Hey!
      Danke für deinen Kommentar 🙂 Ich glaube der Schreibstil an sich kommt noch dazu. Ich gebe dir ganz recht, manchmal kann man damit einfach nicht warm werden ( Ging mir zum Beispiel bei Meyrinks „Golem“ so…
      Liebe Grüße!
      ( & Danke für’s Teilen auf Twitter 😉 )

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